4. November:
Die Nacht am Ankerplatz vor Soure war sehr friedlich und angenehm. Um 8:45 holen wir den Anker auf und legen Richtung Französisch-Guyana ab. Wir haben eine starke Strömung von vorne-seitlich mit bis zu 3 Knoten, die uns sehr zu schaffen macht, es ist mühsam, den Kurs zu halten. Zudem kommt der Wind mit bis zu 25 Knoten von vorne, die Wellen sind sehr unangenehm. Wir fahren mit beiden Motoren (2.000 - 2.200 U/min), erreichen damit gerade einmal eine Bootsgeschwindigkeit um die 3 Knoten, minimal 1,7 Knoten. Auf die Angaben der Gezeiten ist in dieser riesigen und vernetzten Wasserwelt kein Verlass. Die nächstgelegene Messstation ist rund 35 km weit weg und Angaben von dort sind lediglich eine grobe Orientierung. Vorausplanung ist möglich, stimmt aber des Öfteren nicht. Man muss losfahren und nehmen was kommt.
Neben unserem Boot tauchen ein paar Mal Amazonas Delphine auf. Ihre Haut ist rosa, außer ihre Rücken und entsprechende Wellen sieht man nicht viel von ihnen. Kein Vergleich zu den Delphinen in Tasmanien, die spielerisch zum Boot kommen, elegant und kraftvoll Schritt halten, auf dem Rücken und in Seitenlage schwimmen und man das Gefühl hat, dass sie Blickkontakt suchen.
Nach etwa 4 Stunden beginnt der Strom zu kippen und nimmt auf maximal 3,6 Knoten in unsere Richtung zu. Der Wind hat von Nord-Ost über Ost-Nord-Ost auf Ost gedreht und wir können das Vorsegel ausrollen, der Windwinkel ist mit rund 40° bescheiden. Nach wie vor laufen beide Motoren, wir wollen den Rio Pará hinter uns haben, wenn die Strömung wieder landeinwärts dreht. Wir erreichen bis zu 9 Knoten Bootsgeschwindigkeit. Die Fahrt durch den Rio Pará hinaus in den Atlantik ist eine Herausforderung. Im Atlantik ist die See endlich deutlich ruhiger, das Wasser bleibt weiterhin sehr trüb, ist manchmal hellbraun, dunkelbraun oder schwarzgrün, nie türkisblau. Die feinschluffigen Sedimente können sich in den kurzen Stillwasserperioden zwischen Ebbe und Flut nicht absetzen und sind daher ständig Bestandteil der Gewässer.
Es gibt regen Verkehr von Fischerbooten und wir sehen immer wieder Bojen und Netze. Einmal ist innerhalb von Sekunden plötzlich eine Reihe von Bojen direkt vor uns, ein Ausweichmanöver sinnlos, Erwin nimmt eine Boje zwischen die Rümpfe und fährt einfach drüber, zum Glück verfängt sich kein Netz bei uns. Glück gehabt.
Um 17:30 Uhr bemerken wir, dass der eingerollte Code Zero plötzlich ausweht und stellen mit Entsetzen fest, dass sich eine Schot in der Backbordschraube verfangen hat. Der Backbordmotor stirbt ab, Versuche, die Schot vom Deck aus von der Schraube freizubekommen, scheitern. Bis Französisch-Guyana haben wir etwa 500 Seemeilen vor uns. Das Wasser ist hier nicht tief, wir könnten ankern, aber es ist dunkelbraun und die Sicht unter Wasser praktisch Null. Wir beschließen, mit dem Vorsegel und dem einen Motor durch die Nacht zu fahren und in der Früh zu überlegen, wie wir weiter vorgehen. Erwin entfernt die in der Schraube verfangene Schot vom Code Zero und sichert den Code Zero auf dem Deck.
5. November:
Die Sonne scheint, es ist sehr warm und die Luftfeuchtigkeit hoch. Die See ist ruhig, wir sind in einer Flaute, der Wind aus ENE erreicht maximal 6,2 Knoten. Wir segeln mit Vorsegel und Motorunterstützung.
Wir beschließen, nur mit dem Steuerbordmotor weiterzufahren und die Schot erst in Französisch Guyana von der Backbordschraube zu entfernen.
Immer wieder kommen Seeschwalben zum Ausrasten vorbei. Wir haben nicht das Herz, sie zu verscheuchen, obwohl sie deutliche Spuren hinterlassen, die nur mit dem Hochdruckreiniger zu entfernen sind. In der Abenddämmerung kommen wieder welche angeflogen und lassen sich auf der Reling nieder, putzen ausgiebig ihr Gefieder, wir zählen 9, sie wollen offensichtlich bei uns übernachten.
In der Nacht auf den 6. November nimmt der Wind etwas zu und wir können zeitweise auf die Motorunterstützung verzichten.
6. November:
In der Früh macht Erwin den Code Zero wieder einsatzbereit und wir segeln mit Wind aus Ost mit etwas mehr als halber Windgeschwindigkeit ruhig dahin. Die aktuell heruntergeladenen Prognosen sagen eine moderate Zunahme des Windes voraus, wir rechnen damit, bis 8. November in der Nacht mit dem Code Zero segeln zu können. Danach soll der Wind auf über 18 Knoten zunehmen, was für den Code Zero zu viel wäre, wir werden sehen, die Prognosen unterscheiden sich hier oft von der Realität.
Erst am 7. November erscheint der Atlantik makroskopisch wieder sauber und türkisblau und wir getrauen uns, den Wassermacher zu verwenden.
Am 8. November in der Früh kommen Gewitterwolken auf, die See wird rauer, der Wind nimmt zu. Wir bergen den Code Zero gerade noch rechtzeitig, kurz darauf haben wir bereits 20 Knoten Wind. Die letzten 5 Stunden segeln wir mit dem Vorsegel zu den drei, dem Festland von Französisch Guyana vorgelagerten Inseln (Iles du Salut). Hier wollen wir ein bis zwei Tage bleiben, bevor wir nach Kourou, das am Festland liegt und nur 10 Seemeilen von den Inseln entfernt ist, weitersegeln.
8. - 15. November 2024
Französisch Guyana ist ein Überseegebiet Frankreichs im Nordosten Südamerikas und gehört zur Europäischen Union, man zahlt mit Euro. Das Preisniveau ist europäisch, das Angebot in den guten Supermärkten entspricht dem im Mutterland und lässt keine Wünsche offen. Bei einer Größe wie Österreich liegt die Einwohnerzahl bei etwa 320.000. Der größte Teil des Landes ist Regenwald. FG grenzt an Brasilien und Suriname. Die Hauptstadt Cayenne und auch die anderen großen Städte liegen an der Atlantikküste.
Ile Royale
8. - 10. November:
Um 14:30 Uhr lassen wir nach 528 Seemeilen und 100 Stunden in der Baie des Cocotiers vor der Ile Royale den Anker fallen. Drei Ausflugs-Katamarane mit Tagesgästen liegen in der Bucht an Bojen.
Erwin benötigt, weil die Sicht unter Wasser extrem schlecht ist, eine dreiviertel Stunde, bis der Propeller von der Schot befreit ist. Wir hatten gehofft, dass hier die Sicht unter Wasser gut sein würde. Leider ist das nicht der Fall, das Wasser ist zwar blau, aber sehr trüb.
Am Abend und in der Nacht sind wir das einzige Boot in der Bucht.
Die drei kleinen, eng beieinander liegenden Inseln (Ile Royale, Ile Saint-Joseph und Ile du Diable) sind hügelig und sehr grün, zwischen den Inseln gibt es zum Teil sehr starke Strömungen. Von der Mitte des 19. bis knapp bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren auf den drei Inseln rund 70.000 verurteilte Straftäter - Verbrecher, aber auch Spione und politische Gefangene - aus Frankreich inhaftiert. Die Gefangeneninseln erlangten durch den erfolgreichen Film 'Papillon', in dem einem Häftling schlussendlich die Flucht gelingt, Berühmtheit.
9. November:
Nach 4 Tagen und Nächten auf dem Boot sind wir froh, wieder ausgiebig gehen zu können. Wir wandern auf den Hügel hinauf und kehren zu Mittag im einzigen, gut besuchten Restaurant der Insel ein. Das Essen ist enttäuschend, erinnert an fades Kantinenessen, wir haben uns mehr erwartet. Zumindest ist der Blick von der Terrasse auf die Teufelsinsel sehr schön.
Den Nachmittag verbringen wir bei den Ruinen der Gefängnisanlagen. Sie nehmen einen beachtlichen Teil der Insel ein. Die winzigen Gefängniszellen und die Stimmung in den Gebäuden sind sehr bedrückend. Wir fühlen förmlich die schrecklichen, für uns unvorstellbaren Lebensbedingungen, denen die Häftlinge hier ausgesetzt waren. Auf der Ile Royale, der Hauptinsel, wohnte zusätzlich noch das Personal und es gab ein relativ großes Hospital. Wir verzichten auf den Besuch der Gefängnisanlagen auf den zwei anderen Inseln.
10. November:
In der Früh segeln wir zum Festland Richtung Kourou. Etwa 2/3 der gesamten Strecke von 10,4 Seemeilen sind gut betonnt. In diesem sehr flachen Teil der Zufahrt vor Kourou ist eine Mindestwassertiefe gegeben.
Das Wasser ist durch die Sedimente hellbeige und völlig trüb. Wir fahren in den Gezeitenfluss Fleuve Kourou mit steigender Flut ein. Es sind drei Möglichkeiten zum Ankern angegeben. Wir ankern bei Pariacabo, einem Vorort von Kourou in der Nähe des Zolls, um bequem einklarieren zu können und weil es hier ein Gewerbegebiet mit einer Marine-Hondavertretung gibt. Last but not least gibt es das La Marina Restaurant am Ufer. Hier genießen wir im angenehmen Ambiente ein sehr gutes Essen.
11. November:
Wir rudern mit dem Dinghy, die Strömung ist ziemlich stark, zu einem Steg für den Zoll und das Militär. Wir treffen einen sehr freundlichen Fremdenlegionär und erfahren, dass heute in Frankreich Nationalfeiertag zur Erinnerung an den Waffenstillstand am Ende des 1. Weltkrieges ist. Also nichts mit dem Einklarieren.
12. November:
Wir rudern wieder zum Steg und erfahren gleich dort von einem ebenfalls sehr freundlichen Gendarmen, dass der Zoll heute nicht besetzt ist und wir das Einklarieren über das Internet machen sollen, das wir nicht haben.
Wir kaufen bei der Hondavertretung zwei Impeller, mieten ein Auto und fahren nach Kourou. Eine Touristeninformation gibt es nicht, es gibt ja auch keine Touristen. Wir kommen beim Gemeindeamt vorbei und fragen, wo wir eine SIM-Karte kaufen können. Stadtplan oder ähnliches gibt es nicht. Eine sehr freundliche Dame vom Amt fährt mit uns zu einem Internetanbieter. Endlich, wir haben Internet und nachdem wir 35 € bezahlt haben, dachten wir, das wird schon eine Weile reichen. Falsch gedacht, am selben Abend war es schon wieder aus. Wir finden heraus, dass wir für 35€ nur 600 MB Datenvolumen bekommen haben.
Das Space Center kann man nur mit vorheriger Anmeldung im Internet besichtigen. Das Internetportal bietet keine Besuchstermine an, stattdessen nur Jahreskarten. Wofür? Also kein Space Center. Wir sind sauer.
Wir beschließen, zum einzigen Zoo in Französisch Guyana zu fahren, wo man die in dieser Region lebenden Tiere sehen kann.
Das Gelände ist riesig, der üppige Regenwald beeindruckend. Die Gitterkäfige sind veraltet, haben schon bessere Zeiten gesehen, alles wirkt etwas vernachlässigt. Von den Wildkatzen sehen wir keine, wahrscheinlich haben sie sich in der Hitze zurückgezogen.
Wir sehen viele verschiedene Affenarten, einige davon sind für uns neu. Sehr verspielt und lustig sind die kleinen Eichhörnchen-Äffchen. Beeindruckend sind zwei große Ameisenbären.
Von den vielen endemischen Vögeln zeigen sich nur wenige, sie sind sehr scheu. Die Papageien machen einen Höllenlärm.
Wir haben zwar etwas mehr erwartet, es ist aber trotzdem ein lohnender Ausflug. Wir genießen die Ruhe - außer uns sind noch 5 Besucher im Gelände unterwegs. Der Regenwald mit seinen riesigen Bambusstauden ist an Üppigkeit kaum zu übertreffen.
13. November:
Erwin baut den Original-Impeller in den Außenborder ein. Große Enttäuschung, als er danach nicht anspringt. Nach der letzten Reparatur in Brasilien ist er für einige Tage beim ersten Zug am Starterkabel angesprungen und wir dachten, dass das Problem mit dem Original-Impeller endlich gelöst sei. Also wieder zum Steg rudern. Dort kennt man uns schon. Die Soldaten und Gendarmen sind erfrischend entspannt und freundlich. Wir fahren beim Zoll vorbei, es ist niemand da, wir haben kein Internet mehr und wir verzichten auf das Einklarieren.
Wir fahren nach Kourou, finden durch Zufall den U-Supermarkt. Das Einkaufen ist eine reine Freude und wir sind etwas enthemmt. Mit zwei großen Einkaufstaschen steigen wir am Steg ins Dinghy ein. Heute erwischen wir einen besonders starken Gegenstrom, es ist ja Vollmond, dazu Wind. Wir werden rasch abgetrieben, Erwin rudert zum anderen Ufer hinüber und kämpft sich am Uferrand, wo die Strömung nicht ganz so stark ist, Richtung unserer 'Crocodile' zurück. Ein paar Mal halten wir uns an Ästen zum Verschnaufen fest. Erwin hat Rudererfahrung auf der Donau und mit aller Kraft und Technik gelingt es ihm, dass wir sicher zu unserem Boot kommen und unsere Lebensmittel keinen Schaden durch die Hitze nehmen.
Am 14. November fahren wir mit dem Strom hinaus zur Ile Royale und ankern wieder in der Baie des Cocotiers. Von hier segeln wir morgen nach Suriname, von Französisch Guyana haben wir genug. Wir kennen Berichte von Seglern, die von Französisch Guyana schwärmen, für uns war es eine herbe Enttäuschung.